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EVENTCAFÉ – heute mit Architektin Gudrun Jostes

In meinem EVENTCAFÉ treffe ich Expertinnen und Experten ihres Fachs, die ich zu verschiedenen Eventthemen befrage.

 

Heute mit:  Gudrun Jostes, Dipl.-Ing. – Fachplanerin und freie Sachverständige für barrierefreies Bauen

Gudrun Jostes ist Expertin, wenn es um das Thema barrierefreies Bauen im Businessbereich, aber auch im privaten Umfeld geht. Ihr Angebot umfasst die Beratung und Begleitung von Umstrukturierungsprozessen für ein barrierefreies Wohn- und Arbeitsumfeld. Die Bedürfnisse mobilitäts- und sinneseingeschränkter Bewohner, Besucher und Mitarbeiter in bauliche Maßnahmen umzusetzen ist das Hauptziel von Gudrun Jostes. Sie lebt und arbeitet in Kassel.

K. Hoffmann-Wagner: Bevor wir uns vor kurzem auf einer Veranstaltung kennengelernt haben, habe ich mich zugegebenermaßen, außer über die Berücksichtigung von Rollstuhlrampen bei Bühnen und Messeständen, wenig mit Barrierefreiheit beschäftigt. Wie bist Du als Planerin zu diesem Thema gekommen?

Gudrun Jostes: Oh, das ist eine lange Geschichte, ich versuche es ganz kurz zusammen zu fassen. Beruflich habe ich vor meinem Architekturstudium im sozialen Bereich mit Kindern und Jugendlichen gearbeitet und stellte wiederholt fest, dass die gebaute Umwelt oft wie ein Hemmschuh wirkt, wenn die Bedürfnislage nicht der Norm entspricht. Während des Architekturstudiums habe ich mich auf nutzerorientierte Planung fokussiert. Kurz nach dem Abschluss habe ich die erste altengerechte Wohnung für ein Ehepaar 60+ geplant. Fast parallel dazu im Jahr 2000 wurde ich gemeinsam mit Städtebauarchitekten und Freiraumplanern für die Entwicklung eines barrierefreien städtebaulichen Konzeptes beauftragt – somit war die Richtung vorgegeben.

Du hast vor einiger Zeit eine Art Profilschärfung vorgenommen, die Dich weg von der reinen Betreuung von Bauprojekten als Architektin hin zur ausgewiesenen Expertin für barrierefreies Bauen geführt hat. Was hat Dich dazu bewogen, diesen Schritt zu wagen?

Die Zeit war reif! In den ersten Jahren meiner freiberuflichen Tätigkeit war Barrierefreies Bauen ein Bereich, der für sich allein genommen nicht auskömmlich war.

Mit der UN Behindertenrechtskonvention und den Behindertengleichstellungsgesetzen sind klare Ziele zur Barrierefreiheit definiert, die vor allem im öffentlichen Bereich umgesetzt werden müssen. In den nächsten Jahren werden barrierefreie Gebäudekonzepte notwendig, die über die schon erwähnte Rollstuhlrampe hinausgehen. Die Bedürfnisse der Nutzer und Nutzerinnen müssen baulich und gestalterisch übersetzt werden.

Mein Ansatz, die Barrierefreiheit frühzeitig und umfassend in Planungsprozesse einzubinden ist das, was den wachsenden Markt für barrierefreies Bauen in den nächsten Jahren beschäftigen wird.

Unser Kennenlernen habe ich zum Anlass genommen danach zu recherchieren, wie es mit der Barrierefreiheit im Event- und Messebereich aussieht und musste feststellen, dass es nur sehr wenige Beispiele gibt, die über die Berücksichtigung von mobilitätseingeschränkten Besuchern, also die üblichen Rollstuhlrampen, Ebenerdigkeit, rollstuhlgerechte Toiletten etc., hinausgehen. Wie ist Deine Erfahrung?

Ja, da kann ich Dir beipflichten. Es gibt Ansätze die Bedürfnisse von Blinden und Hörgeschädigte einzubeziehen, leider ist dies nicht durchgängig der Fall.

In der Regel werden Solitärmaßnahmen umgesetzt, was leider nicht zum Ziel führt. Ein Blindenleitsystem darf nicht einfach in der Mitte einer Messehalle aufhören. Mir fehlen durchgängige barrierefreie Konzepte, von der Infrastruktur bis hin zu den einzelnen Messeständen.

In der Eventbranche wird viel über neue Trends und Technologien gesprochen, doch Themen wie Nachhaltigkeit oder die Einbindung der demografischen Entwicklung in die Event- und Messeplanung findet bisher wenig Gehör. Verpasst die Branche hier einen Trend oder gar die Notwendigkeit, sich rechtzeitig den sich ändernden Teilnehmergegebenheiten anzupassen?

Ich denke es gibt mittlerweile einen Markt der sich auf ältere mobilitäts- und sinneseingeschränkte Menschen eingestellt hat. Diese, nicht unerheblichen Kunden, was Kaufkraft aber auch deren Anspruch anbelangt, mögen es komfortabel – Barrierefreiheit geschickt in die Planung von Events und Messeplanungen einzubeziehen – ohne, dass das Gefühl von Sondermaßnahmen aufkommt, das ist eine zukünftige Herausforderung.

Was für Maßnahmen gehören für Dich zur Barrierefreiheit von Events und Messen, mal abgesehen von den schon erwähnten Vorkehrungen für Rollstuhlfahrer?

Themen wie durchgängige Leit- und Orientierungssysteme nach dem Zwei-Sinne-Prinzip gestaltet, tastbare Informationen in erhabener Profil- und in Brailleschrift, gute Akustik, Präsentationen im Audioformat, Sitzmöglichkeiten und Tische in verschiedenen Höhen sind da zu nennen.

Bleiben wir beim Thema Messen. Auf meiner Suche bin ich nur auf eine große, internationale Messe gestoßen, die explizit Führungen für Menschen mit Seh- und Hörbehinderungen anbietet. Es geht mir dabei um „normale“ Branchen- und Regionalmessen, ohne den Fokus auf Produkte für Menschen mit Handicap. Wie ist Deine Einschätzung: Gibt es so wenige Angebote für Menschen mit Handicap, weil der Bedarf nicht vorhanden ist? Oder ist es eher umgekehrt, dass die Menschen mit Handicap nicht zu „normalen“ Messen und Veranstaltungen gehen, weil sie nicht ausreichend partizipieren können?

Da sind wir beim Thema Inklusion – alle Bedürfnisse von Anfang an einbeziehen und daraus Konzepte entwickeln. Der Bedarf ist da, wir müssen jedoch dahin kommen, dass es nicht Sonderveranstaltungen für Menschen mit Einschränkungen gibt. Warum soll ein mobilitätseingeschränkter Architekt eine Führung für Rollifahrer mit machen, wo doch die anderen themenbezogenen Führungen für ihn viel aussagekräftiger sind?

Noch weiter gedacht: Schließen Veranstalter unbewusst bestimmt Zielgruppen aus Ihrem Event- und Messeangebot aus?

Gewagte Frage – ja, das passiert leider immer, wenn wir Barrieren nicht bewusst erkennen.

Durch Deine Arbeit im Bereich Barrierefreiheit hast Du viel Kontakt zu Verbänden und Vereinen für Menschen mit Handicap. Welche Erfahrungen hast Du in den Gesprächen gemacht, was das Thema Events und Messen angeht?

Auch die gehen fast alle gerne zu Events und Messen und sind genervt, wenn die Erwartungshaltung nicht erfüllt wird, weil die Barrierefreiheit baulich, gestalterisch und veranstaltungstechnisch nur rudimentär umgesetzt wurde.

Was war für Dich der spannendste oder auch herausforderndste Auftrag?

Ein barrierefreies städtebauliches Konzept für einen Kurort. Hier wurde die umfassende Barrierefreiheit gewünscht, von den Wegeführungen bis hin zu der Gestaltungen von öffentlichen und privatwirtschaftlichen Infrastruktureinrichtungen wie Gastronomie, Hotels, Ladengeschäften. In diesem Rahmen wurden auch interessierte Bürger und Unternehmer über Vorträge, Workshops und Stadtspaziergänge mit Simulationsbrillen, Langstöcke, Rollstühlen und Rollatoren sensibilisiert.

Auf was freust Du Dich in der nächsten Zeit am meisten?

….meinen Urlaub.

Ich danke Dir für dieses Gespräch, Gudrun!

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