EVENTCAFÉ – heute mit Stefan Evertz, Inhaber von Cortex digital

In meinem EVENTCAFÉ treffe ich Expertinnen und Experten ihres Fachs, die ich zu verschiedenen Eventthemen befrage.

 

Stefan Evertz, Inhaber von Cortex digital, der Digitalberatung aus Frankfurt.

Seit mehr als 20 Jahren begleitet Stefan Evertz Unternehmen, Organisationen und Behörden dabei, Strategien für den Umgang mit dem Internet zu entwickeln und anzuwenden. Seit 2013 unterstützt er zudem Kunden im Bereich Social-Media-Monitoring. Neben Setup und Optimierung von Tools realisiert er auch Analysen und Reportings und berät unabhängig bei der Toolauswahl. 2014 gründete er ein Magazin rund um digitales Monitoring, den „Monitoringmatcher“. Seit vielen Jahren beschäftigt sich Stefan Evertz auch mit neuen Veranstaltungsformaten und ist seit 2007 unter anderem auf Barcamps unterwegs, von denen er bereits über 40 moderiert und organisiert hat. 2011 gehörte er zu den Mitbegründern des Deutschen Webvideopreises. Stefan lebt und arbeitet in Frankfurt.

Kerstin Hoffmann-Wagner: Wenn man Deine Vita liest, dann stellt man schnell fest, dass Du quasi ein Mann der ersten Stunden des Internet warst. Was hat Dich am Phänomen Internet so früh schon fasziniert?

Stefan Evertz: Meine erste E-Mail-Adresse hatte ich 1993, meine erste Website habe ich 1996 gebaut. In der Tat bin ich wohl schon etwas länger dabei. Was mich immer schon fasziniert hat am Internet war der Grundgedanke von Vernetzung und Austausch – anfangs noch über Mailinglisten und Message Boards, später in Foren und Blogs – lange bevor es “Social Media” gab. Da kommen wildfremde Menschen zusammen, diskutieren, streiten, helfen sich aber auch weiter.

Heute unterstützt Du Unternehmen und Organisationen rund um deren Social-Media-Monitoring. Wo stehen deutsche Unternehmen heute in Sachen Social Media und Digitalisierung?

Deutschland gilt in Sachen Social Media und Digitalisierung ja gerne als Bedenkenträger und Nachzügler, vor allem im internationalen Vergleich. Und ich fürchte, in der Summe stimmt beides. Natürlich gibt es viele spannende Vorzeigeprojekte und das Thema zählt nicht nur bei den großen Unternehmen schon länger zum Standardrepertoire in Sachen Kommunikation und Marketing.

An vielen Stellen fehlen aber leider auch heute noch oft klare Ziele und Strategien und es wirkt so, als ob der digitale Wandel nicht wirklich ernst genommen wird. Mit dem frisch eingestellten Social-Media-Manager sieht man sich dann schon “sehr gut aufgestellt”, blendet aber gerne aus, dass dieser Wandel eben auch bestehende Strukturen betrifft.

Seit nunmehr 10 Jahren widmest Du Dich auch dem Veranstaltungsbereich. Was genau ist hier Deine Aufgabe?

Mein Fokus liegt schon länger in der Konzeption (inkl. der gesamten Kommunikation) und Moderation von Veranstaltungen, speziell von BarCamps. Natürlich geht es vielfach auch um andere Aspekte der Eventorganisation (inklusive dem Themenfeld Sponsoren & Partner), aber zentral ist hier das Thema Event-Kommunikation. Und dieser Bereich ist in meinen Augen mittlerweile der größte Erfolgsfaktor für Veranstaltungen.

Auch hier liegt Dein Schwerpunkt in der Digitalisierung. Wie steht es Deiner Meinung nach um die Digitalisierung in der Eventbranche?

Vielen Konferenzen merkt man an, dass sie mit einem Kommunikationsbaukasten umgesetzt werden, der das Potenzial digitaler Kommunikation gar nicht richtig ausschöpft und gelegentlich auch etwas veraltet wirkt. Das, was wir insbesondere aus dem Social Web kennen, wird kaum umgesetzt – also auch, das Thema der Veranstaltung und auch die Veranstaltung an sich kontinuierlich z. B. in einem Blog zu begleiten und Geschichten zu erzählen.

Worin siehst Du die größten Herausforderungen für Eventplaner in der Digitalisierung, und sind die heutigen Eventprofessionals gut genug darauf vorbereitet?

Das größte Problem ist wohl die immer noch weiter wachsende Informations- und Veranstaltungsflut. Deshalb wird es immer wichtiger, sich nicht nur inhaltlich, sondern auch kommunikativ vom “Wettbewerb” abzusetzen. Hier scheint mir oft noch eher eine konventionelle Sichtweise vorzuherrschen und neben einem Mailing erschöpft sich die Digitalisierung dann oft in einer einfachen Website und evtl. noch einer App zur Veranstaltung. Da ist bei vielen Akteuren also definitiv noch Luft nach oben.

Wenn Du über Erfolgsfaktoren für digitale Eventkommunikation sprichst, fällt immer wieder der Begriff des „SEHR-Rezepts“. Was genau verbirgt sich dahinter?

Als Eselsbrücke soll das SEHR-Rezept die vier zentralen Erfolgsfaktoren verbinden: Storytelling, E-Mail, Heimat und Redundanz (Mehr dazu – inklusive einer Präsentation – auch bei uns im Blog). Storytelling meint dabei, rund um eine Veranstaltung einzelne Informationen und Details zu identifizieren, die dann gute Kommunikationsanlässe bieten – gerne auch mehrere / viele. E-Mail steht dabei für den auch 2017 noch wichtigsten Kommunikationskanal im Veranstaltungsbereich. Heimat ist die Metapher für die „eigene“ Plattform, die immer im Zentrum der Event-Kommunikation stehen sollte. Das wäre normalerweise die eigene Website, besser noch das eigene Blog. Redundanz ist die Antwort auf den zunehmenden Information overload, den wir tagtäglich beobachten können. Um noch zur Zielgruppe durchzudringen, wird es immer wichtiger, über alle Kanäle zu kommunizieren, die die Zielgruppe nutzt (z.B. Facebook, Twitter und XING) – und das eben parallel.

Seit vielen Jahren beschäftigst Du Dich mit neuen Veranstaltungsformaten. Du hast bereits zahlreiche BarCamps ins Leben gerufen, organisiert oder auch moderiert – ein Format, das bisher noch sehr zögerlich von Eventplanern eingesetzt wird. Skizziere bitte kurz, worum es dabei geht und was genau Dich gerade an diesem Format fasziniert.

Beim BarCamp handelt es um ein gut zehn Jahre altes und sehr teilnehmerorientiertes Veranstaltungsformat. Dabei unterscheidet es sich von klassischen Konferenzen vor allem an zwei Punkten: Zum einen gibt es eine gemeinsame Vorstellungsrunde, bei der sich jeder Teilnehmer ganz kurz vorstellt (mit Name, Firma und drei Schlagworten bzw. Hashtags) – ein sehr wichtiger Eisbrecher. Zum anderen findet jeweils morgens eine gemeinsame Programmplanung statt. Und hierin liegt die eigentliche Kraft des Formats, die mich bis heute sehr fasziniert. Denn so entsteht ein Programm, dass immer sehr aktuell ist und sehr stark auf die anwesenden Teilnehmer zugeschnitten ist.

Wie kann die Eventbranche von neuen Formaten, wie z.B. den BarCamps, profitieren, und haben herkömmliche Formate wie Tagungen, Kongresse etc. ausgedient?

Ein BarCamp stellt insofern eine Bereicherung dar, weil mehr Interaktion, ein höherer Austausch zwischen den Teilnehmern und damit eine steilere Lernkurve möglich werden. So kann ein BarCamp auch herkömmliche Formate beleben, z.B. als ein 3-4 Stunden-Block während einer zweitägigen Veranstaltung. Der hinter der BarCamp-Idee stehende Gedanke einer Kommunikation auf Augenhöhe passt einfach besser zum selbstverständlich gewordenen digitalen Dialog (z.B. per Social Media).

Ich glaube aber nicht, dass klassische Konferenzen überflüssig werden. Das hat zum einen damit zu tun, dass ab einer bestimmten Personenzahl BarCamps an gewisse Grenzen stoßen. Bei mehr als 250 Personen ist beispielsweise eine Vorstellungsrunde irgendwann nicht mehr realisierbar. Und zum anderen glaube ich schon länger, dass es verschiedene Lerntypen gibt. Es gibt Menschen, die bei einer klassischen Konferenz besser lernen können und für die das BarCamp als Format nicht so gut funktioniert wie eine Konferenz. Es sind einfach verschiedene Ansätze – und es gibt Platz und Bedarf genug für beide Wege.

Wenn Du an Corporate Veranstalter denkst – also an Unternehmen, die sich mit Events an ihre Kunden richten – welchen Rat würdest Du ihnen geben im Hinblick auf zeitgemäße Veranstaltungsformate?

Gerade für interne Veranstaltungen bzw. Events für Kunden oder andere geschlossene Benutzergruppen können neue zeitgemäße Formate wie ein BarCamp Austausch und auch die Wissensvermittlung deutlich befeuern. Ein “neues” Format weckt oft zusätzliches Interesse und somit weitere Chancen, Menschen neu zu erreichen, die mit etablierten Formaten kaum noch aktiviert werden können. Und bei internen Veränderungsprozessen kann ein BarCamp ein gutes Werkzeug für die begleitende Kommunikation sein.

Ein BarCamp mit Kunden bietet zudem das Potenzial, aussagekräftiger und informativer zu sein als eine Kundenbefragung. Denn aus dem gemeinsam entwickelten Programm (zusammen mit einer simplen Statistik, wieviele Personen an welcher Session teilgenommen haben) lassen sich Themenwünsche, -ideen und die inhaltlichen Schwerpunkte viel klarer und einfacher ablesen.

Auf was freust Du Dich in nächster Zeit am meisten?

Wir haben ja viel über BarCamps geredet. In diesem Sinne denke ich natürlich gerne daran, dass im Oktober noch einige BarCamps kommen, die ich organisiere und moderiere – nächste Woche findet in München z. B. das IoTcamp, ein BarCamp zum Thema Internet of Things. Und danach freue ich mich auf die Veröffentlichung meines ersten Buches “Analysiere das Web!”, das am 23. November bei Haufe erscheint und sich – wenig überraschend – mit dem Thema Web-Analyse und Social Media Monitoring beschäftigt.

Vielen Dank, lieber Stefan, für dieses Interview!

 

Termintipps mit Stefan Evertz:

28.09.17, 12:30 Uhr

Webinar “Bessere Eventkommunikation mit Monitoring

(zusammen mit Brandwatch, Anmeldung – und Abruf der Aufzeichnung – auch nach der Veranstaltung möglich)

Kostenlose Anmeldung hier.

22.11.17, 9:30 – 17:30 (ieca, Mannheim)

Seminar “How to BarCamp – Organisation und digitale Eventkommunikation erfolgreich bewältigen

Infos zum Seminar und zur Anmeldung hier.

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