Eventcafé – heute mit Nachhaltigkeitsexperten Jürgen May

In meinem EVENTCAFÉ treffe ich Expertinnen und Experten ihres Fachs, die ich zu verschiedenen Eventthemen befrage.

 

JuergenMay

Heute mit:  Jürgen May – Nachhaltigkeitsexperte und Geschäftsführer von 2bdifferent

Als Geschäftsführer leitet Jürgen May seit 2008 das Unternehmen 2bdifferent, mit dem er Beratung zu eventspezifischem Nachhaltigkeitsmanagement und Entwicklung von GREEN PROFIT-Strategien im Sport anbietet. Mit seiner Philosophie „ökologisch handeln, sozial denken, ökonomisch profitieren!“ wendet er sich an Unternehmen, Verbände, Sponsoren und Institutionen im Event– und Sportbusiness, für die er spezielle Nachhaltigkeitsstrategien definiert. Er lebt und arbeitet in Speyer.

K. Hoffmann-Wagner: Wir haben uns im Rahmen der GCB-Weiterbildungen zum Nachhaltigkeitsberater für die Eventbranche kennengelernt. Als Co-Referent hast Du dort ein beeindruckendes Beispiel eines komplett nachhaltig geplanten Messeauftritts eines Kunden vorgestellt. Warum sehen wir im täglichen Event- und Messebusiness eigentlich noch immer so wenige Beispiele dieser Art?

Jürgen May: Dafür werden leider immer wieder die drei gleichen Gründe von Unternehmen, Planern, Agenturen und Eventdienstleistern genannt: wenig Nachfrage, mangelndes Know-how, zu teuer.

Dass dem nicht so ist, haben wir mit dem Messeprojekte „drupa“ für die Heidelberger Druckmaschinen AG 2012 bewiesen. Erstmals wurde ein kompletter Messeprozess über einen Zeitraum von 15 Monaten auf Basis nachhaltiger Kriterien realisiert. So ganz nebenbei wurden noch 600.000 EUR im Messebudget, gegenüber dem ursprünglich konventionellen Messekonzept, eingespart. Die Bewertung der medialen Wahrnehmungen, sowie die zusätzlichen Abverkäufe durch thematisierte Neukunden, sind dabei noch gar nicht bewertet.

Dass die nachhaltige Realisierung von Eventprojekten kalkulierbare Vorteile mit sich bringen, belegen wir tagtäglich mit unseren Kunden und deren Projekten. Es geht allerdings hierbei nicht darum, alles krampfhaft „grün“ zu machen, weil es gerade Trend ist. Es geht in erster Linie um ein zeitgemäßes Handeln und eine glaubwürdige Transparenz.

Seit sechs Jahren berätst Du Unternehmen, Verbände, Sponsoren und Institutionen in der Entwicklung und Anwendung nachhaltiger Strategien für Events und für den Bereich Sportbusiness. Wie kam es dazu, dass Du Dich ausschließlich auf das Thema Nachhaltigkeit konzentriert hast?

Aus rein persönlichen Gründen – vor allem durch meine Tochter!! Vielleicht hört sich das jetzt nach Storytelling an, aber als alleinerziehender Daddy hat sich mein Blick auf die Welt gravierend verändert – ist nachhaltiges Denken und Handeln in den vergangenen Jahren immer wichtiger für mich geworden. Es gilt für mich als notwendig und zukunftsweisend und dies in allen Lebensbereichen.

Wie war Dein Weg zum Experten auf diesem Gebiet? Woher stammt Dein Know-how – Weiterbildungen zum Thema Nachhaltigkeitsstrategien vor allem im Eventbereich gibt es noch nicht allzu lange.

Die Basis dafür bilden 25 Jahren Erfahrung im Corporate- und Sport Eventbusiness. Es ist, um eventspezifische Nachhaltigkeit glaubwürdig zu beraten, wichtig zu wissen, wie Events im Detail ablaufen und funktionieren, zu verstehen was hinter den Kulissen, in den Agenturbetrieben, den Werkstätten und in den Köpfen von Planern und Kunden passiert.

Dazu habe ich an einigen Wochenenden und Tage die Schulbank gedrückt und meine zertifizierte Qualifikation für die betrieblichen Umweltmanagementsysteme ISO 14001 und EMAS erworben. Dann die enge Kooperation und Projektarbeit in den ersten Jahren mit der Klimaschutzagentur CO2OL aus Bonn, die in Europa mit mittlerweile über 500 klimafreundlich umgesetzten Veranstaltungen Marktführer im Bereich Beratung und Betreuung von Green Events bzw. Green Meetings sind.

Da Nachhaltigkeit ein Prozess ist, ist es wichtig für mich, mein Wissen dazu ständig zu optimieren und zu aktualisieren. Deshalb habe ich mit mehreren Eventfachleuten eine „Sustainable Event Academy“ ins Leben gerufen. Start ist ab 2015. Die erste Maßnahme ist die zertifizierte Weiterbildung und Auditorenausbildung zur ISO 20121. Diese Norm zur nachhaltigen Eventplanung, kann auf alle Ereignisse angewandt werden, von der lokalen Handwerksausstellungen bis hin zu Großereignissen. Bekannt wurde die Norm durch Ihren ersten Einsatz bei den Olympischen Spielen London 2012.

Was waren die größten Herausforderungen oder auch Hindernisse zu Beginn Deiner Arbeit? Noch heute gibt es wenige ausgewiesene Nachhaltigkeitsexperten mit dem Background wie Du ihn hast, 2008 waren es sicher noch weniger…

Anfangs war es schwer, Menschen zu etwas zu bewegen, vor allem wenn die Benefits teils noch in der Zukunft liegen und nicht in allen Fällen direkt greifbar sind. Nicht zu unterschätzen ist dann noch die „Macht der Gewohnheit“, die sich Neuerungen meist in den Weg stellt. Es war zu Beginn sehr viel Überzeugungsarbeit notwendig, all die eventspezifische Abläufe und Prozesse anhand ökologischer, sozialer und ökonomischer Aspekte Kunden und Planern aufzuzeigen. Erst der Hinweis, dass diese nachhaltigen Gesichtspunkte gewinnbringend umgesetzt und öffentlichkeitswirksam dargestellt werden können, verschaffte uns Gehör.

Immer mehr Dienstleister, ob aus dem Cateringbereich, dem Messebau oder auch der Eventtechnik, haben die Wichtigkeit erkannt und lassen sich nach nachhaltigen Kriterien zertifizieren. In meiner Wahrnehmung jedoch herrscht seitens der Event- und Messeplaner aus dem Unternehmensbereich noch immer eine gewisse Skepsis, was die Berücksichtigung nachhaltiger Kriterien für ihre Veranstaltungsplanung angeht. Worin liegen die Gründe dafür?

Eine nachhaltige Zertifizierung für Eventdienstleister umfasst bisher meist nur den Geschäftsbetrieb. Nachhaltige Eventplanung und Umsetzung wird hierbei nicht vermittelt. Das paradoxe daran ist, dass es somit nachhaltig zertifizierte Eventagenturen gibt, die allerdings keine nachhaltige Eventplanung realisieren können. Es fehlen immer noch bei der Live-Kommunikation, vorrangig bei Messen und Events, klare Richtlinien und Leitplanken bezüglich der Nachhaltigkeit.

Um dies zu ändern, hat aufbauend auf den Erfahrungen aus der Sustainable Company-Zertifizierung, der FAMAB –Verband Direkte Wirtschaftskommunikation e.V.  eine Prüfung auf den Weg gebracht, die es ermöglichen wird Eventprojekte und deren nachhaltige Umsetzung zu bewerten.

Was sollte Deiner Meinung nach passieren, um das Thema nachhaltige Eventplanung sowohl innerhalb der Eventbranche als auch auf Unternehmensseite noch weiter zu „pushen“? Um eine noch größere Öffentlichkeit mit entsprechender Wirkung für die Projekte zu erzielen?

Das Zukunftsinstitut prognostizierte bereits 2011 in dem Handbuch „Events der Zukunft“  für 2020, dass der Staat Ökosteuer für nicht nachhaltige Events erheben wird! Sicherlich ein Möglichkeit das Thema zu pushen. Ich glaube zwar nicht, dass so eine Steuer kommen wird, jedoch werden zukünftig gesetzliche Änderungen größere Auswirkungen auf die Event-, Kongress- und Tagungsbranche haben. Von der EU wurde dieses Jahr eine deutliche Ausweitung der Berichtspflicht beschlossen. Börsennotierte Unternehmen und Finanzinstitute mit mehr als 500 Mitarbeitern sowie Unternehmen, die im öffentlichen Interesse stehen, müssen ab 2017 ihre ökologischen, sozialen und mitarbeiterbezogenen Nachhaltigkeitsleistungen in Form eines Nachhaltigkeitsberichtes dokumentieren.

Aus diesem Grund suchen immer mehr „Unternehmen mit Eventkultur“ verstärkt Regionen und Standorte, in denen Agenturen, Locations und Dienstleister auf die Planung und Umsetzung von nachhaltigen Events ausgerichtet sind und die beauftragte Leistungen und deren Umsetzung umwelt- und sozialverträglich nachweisen können.

Drei konkreten Beispielen: Die Deutsche Telekom und die HVB – UniCredit Bank AG setzen Checklisten für die Planung von Events ein. Dort werden bei der Auswahl von Eventlocations primär energieeffiziente Gebäude, mit Bezug von Ökostrom und einer Zertifizierung nach ISO 14001, EMAS gefordert. Ebenso die Auswahl umweltbewusster Caterings und Eventagenturen, papierloses Teilnehmermanagement sowie der Einsatz von Eventtechnik, die einem energieeffizienten Standard entspricht. Ähnlich bei der Bayer AG, die von seinen Dienstleistern rund um Messen und Events eine Zertifizierung als Sustainable Company fordert und so sicherstellt, dass die Vorbereitung und Umsetzung von Veranstaltungen auf nachweislich nachhaltigem Niveau durchgeführt wird.

Ich hatte die Zertifizierung von Dienstleistern kurz angesprochen. Heutzutage gibt es eine Vielzahl an unterschiedlichen Zertifikaten – allein für Locations seien hier z.B. The green key, Green Globe, Ökoprofit, Certified green hotel oder Ecohotel genannt. Geben Zertifikate einen realistischen Eindruck davon, wie nachhaltig eine Eventlocation oder ein Eventdienstleister in der Praxis handelt? Und wie finde ich mich als Veranstaltungsplaner im „Zertifikate-Dschungel“ überhaupt zurecht?

Eine gute Frage! Das Problem liegt teils an den undurchsichtigen Bewertungskriterien und fehlende Validierung mancher Erhebungsverfahren. Weiterhin sind viele Zertifizierungen ohne größere Anstrengungen zu erreichen. Oftmals werden nur weiche Ziele definiert und Absichtserklärungen veröffentlicht. Für die „GreenWasher“ darunter sind mit Leitungswasser befüllte Glaskaraffen, FSC-zertifizierte Bleistifte in den Tagungsunterlagen, eine CO2-Neutralisierung bereits ein TOP Green Meeting Szenario und der Grund sich mit einem Nachhaltigkeitslabel zu schmücken. Durch die zunehmende Flut an Labels, Produkt- und Dienstleistungs-Kennzeichnungen wird die Evaluation immer schwieriger. Im Rahmen unserer Beratung bieten wir unseren Kunden – mit unserem Lableguide – einen Durchblick durch diesen Dschungel.

Eine „umweltgerechte und nachhaltige Organisation“ eines Events, Meetings oder Geschäftsbetriebes der Veranstaltungswirtschaft, ist erst durch die Implementierung eines betrieblichen und eventspezifischen Umweltmanagementsystems gegeben.

Neben Deiner beratenden Tätigkeit bist Du auch Lehrbeauftragter an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg (DHBW) und Referent beim German Convention Bureau (GCB). Was gibst Du Deinen Studierenden und Seminarteilnehmern mit auf den Weg, wenn sie sich zum ersten Mal mit dem Thema Nachhaltigkeitsstrategien beschäftigen?

Um es mit den Worten von Erich Kästner zu sagen: „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es!“ Die Branche braucht Strategien und Konzepte zum nachhaltigen Wirtschaften, um zukünftig erfolgreich zu sein. Die Anforderungen an Eventagenturen, Messegesellschaften, Locations und Eventmanager, nachhaltige Belange in ihrem täglichen Handeln zu beachten, sind doch schon längst spürbar in den Häusern angekommen. Dazu gehören Ressourcenverknappung und kontinuierlich steigende Energiepreise ebenso, wie „Sustainability Guidelines“ von potentiellen Auftraggebern à la Telekom Bayer AG und der UnitCredit AG.

Nachhaltigkeitsaspekte in glaubhafte und erfolgreiche Businessstrategien zu wandeln, wird immer mehr zur Aufgabe für die Branche. Dies zu ignorieren birgt die Gefahr, die Erschließung von neuen Märkten und Wertegemeinschaften zu verpassen. Allerdings sage ich auch, dass die Entwicklung einer Nachhaltigkeitsstrategie ein kontinuierlicher Prozess ist, der nur Schritt für Schritt erfolgen kann. Der Weg zum nachhaltigen Eventdienstleister beginnt allerdings immer erst mit einem kritischen Blick auf das eigene Handeln.

Was war für Dich der spannendste oder auch herausforderndste Auftrag?

Sicherlich das Messeprojekt „Drupa“ für die pro event live-communication GmbH  und deren Kunden, die Heidelberger Druckmaschinen AG. Das Projekt hat gezeigt, dass der Einsatz eines eventspezifischen Umweltmanagementsystems bei der Planung und Umsetzung der Messe auch unter ökonomischen Gesichtspunkten höchst rentabel ist. Letztendlich konnten wir sowohl den Marketingleiter als auch die CSR-Beauftragte des Unternehmens damit glücklich machen!

Auf was freust Du Dich in der nächsten Zeit am meisten?

Beruflich auf ein super tolles Projekt in der Schweiz, welches im Januar 2015 weiter geht und für das wir die letzte Woche das GO erhalten haben. Privat auf die kommenden geruhsame Tage mit Familie und Freunden.

Ich danke Dir sehr für dieses Gespräch, lieber Jürgen!

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