Wie geht ein Restart für die Veranstaltungswirtschaft? Zwei Konzepte, viele Fragen

Wie geht ein Restart für die Veranstaltungswirtschaft? Zwei Konzepte, viele Fragen

„Wann wird’s mal wieder richtig Sommer? Ein Sommer, wie er früher einmal war? …“ Viele von uns kennen diesen Hit von Rudi Carrell, der uns seit 1975 immer wieder in verschiedensten Situationen einholt. Sehr gut passt er gerade in die Situation der Veranstaltungswirtschaft: Sehnen sich doch so viele Menschen danach, endlich wieder physische Veranstaltungen durchführen, aber auch besuchen zu können. Aber wird es wirklich wieder so werden, wie es „früher einmal war“ – in der Zeit vor Corona? Kann das überhaupt das Ziel sein, dass alles wieder wie früher wird? Und wie fangen wir überhaupt wieder an, unter den durch Corona gegebenen Umständen physische Begegnungen zu planen?

Konzepte sind besser als Nichts…

Eines ist Stand heute klar: Derzeit machen vor allem behördliche Anordnungen und politische Entscheidungen einen dicken Strich durch jegliche Planbarkeit von Veranstaltungen. Und so ist es erst einmal ein wunderbares Signal, dass sich verschiedene Branchenverbände aktiv daran gemacht haben, Grundlagen zu definieren, auf denen Veranstaltungen auch zu Corona-Zeiten stattfinden können. Zwei Konzepte kursieren derzeit in der Öffentlichkeit und beide haben zwei gemeinsame Ansprüche:

  • professionelle Veranstaltungen dürfen in der Betrachtung durch Politik und Behörden nicht gleich gesetzt werden mit Privatparties und
  • Eventverantwortliche könnten für die voraussichtlich nötigen Genehmigungsverfahren bereits durch eigene Risikoeinschätzungen und Maßnahmen wichtige Vorarbeit für die Behörden leisten

Doch schauen wir uns die beiden Konzepte etwas genauer an. Sie finden nachfolgend meine eigene Zusammenfassung – so wie ich die Konzepte zum jetzigen Zeitpunkt verstehe oder es jedenfalls versucht habe… Beide Konzepte sind im übrigen über die jeweiligen Websites einsehbar und bereit zum Download (einfach auf den jeweiligen Titel clicken).

„Manifest Restart“

Verfasst vom Forum Veranstaltungswirtschaft: BDVK (BV d. Konzert- u. Veranstaltungswirtschaft e.V.), EVVC (Europäischer Verband d. Veranstaltungs-Centren e.V., ISDV (Interessengemeinschaft d. selbständigen Dienstleisterinnen u. Dienstleister in d. Veranstaltungswirtschaft), LIVEKOMM (Verband d. Musikspielstätten in Deutschland e.V.), VPLT (Verband für Medien- u. Veranstaltungstechnik e.V.)

Ziel: Entlastung der Behörden durch Genehmigungsmatrix und Vorab-Einschätzung des Risikos

Besonderheiten?

  • Kombination aus festen Parametern wie Inzidenz, Veranstaltungslocation (Größe) und
  • individuell beeinflussbaren Hygienekomponenten (je mehr, desto besser)
  • Parameter müssen eingegeben werden anhand einer umfangreichen Genehmigungsmatrix

Wie funktioniert`s?

  1. Maßnahmenpaket seitens des Veranstalters
    • Allgemeine Infektionsschutz- u. Hygienemaßnahmen
    • Allgemeine Maßnahmen erweitert um besonderen Infektionsschutz- u. Hygienemaßnahmen (Hygienekonzept, Hygieneverantwortlicher, Erhebung von Kontaktdaten zwecks Rückverfolgung)
    • genannte Maßnahmen erweitert um Nachweise von Immunität oder negativem Testergebenis
  2. Prüfung der entsprechenden 7-Tage-Inzidenz => in welcher Risikogruppe befinde ich mich derzeit?
  3. Prüfung der maximal zulässigen Kapazität bzgl. der Veranstaltungsstätte gemäß der definierten Risikogruppen
  4. Festlegung der endgültigen Veranstaltungskapazität entsprechend der definierten Veranstaltungsarten
  5. Festlegung weiterer Zusatzbedingungen
  6. Eingabe aller unter 1.-5. festgelegten/ermittelten Parametern in eine Genehmigungsmatrix; diese ist Grundlage des behördlichen Genehmigungsverfahrens

„Nachhaltige Öffnungsstrategie“

Verfasst vom R.I.F.E.L. Research Institute for Exhibition an Live-Communication & Europäische Gesellschaft für Hygieneschutz u. Veranstaltungssicherheit e.V.

Ziel: Entlastung der Behörden durch Genehmigungsmatrix und Vorab-Einschätzung des Risikos

Besonderheiten?

  • Kombination aus festen Parametern wie Inzidenz, Veranstaltungslocation (Größe) und
  • individuell beeinflussbaren Hygienekomponenten (auch hier: je mehr, desto besser)
  • Datenbank-basiert mit Schnittstellen zu externen Stellen wie Gesundheitsämtern
  • Kombination aus Eingabe eigener Daten und automatisch errechneter Werte

Wie funktioniert’s?

  1. Datenbank-basiertes Tool, das nach definierten Parametern über ein Ampelsystem eine Risikoeinschätzung der Veranstaltung vornimmt
  2. Bewertung basiert auf drei Säulen:
    • 1. Säule COVID-Situation Veranstaltungsort (Parameter werden automatisch ermittelt durch Eingabe der PLZ) => Notenausgabe
    • 2. Säule: Veranstaltungsparameter Schutzmaßnahmen (Parameter werden durch Veranstalter eingegeben, jede Maßnahme hat speziellen Punktewert, je spezieller, desto mehr Punkte, u.a. auch Impfnachweis möglich) => Notenausgabe
    • 3. Säule: An- u. Abreise Rahmenbedingungen (Parameter werden durch Veranstalter eingegeben, jeder „Touchpoint“ hat speziellen Punktewert) => Notenausgabe
  3. Am Ende erhält Benutzer*in eine Gesamtnote nebst grafischer Darstellung in Ampelsystem
  4. Mit dieser Bewertung erfolgt eine Einschätzung/Genehmigung durch die Behörden
  5. Ziel der Verfasser: Nur nach diesem System bewertete Veranstaltungen sollten dann in das Genehmigungsverfahren der Behörden aufgenommen werden

Was noch zu klären wäre…

Ich muss gestehen, nachdem ich mich etwas eingehender mit diesen beiden Konzepten beschäftigt habe, bin ich ziemlich zwiegespalten: Auf der einen Seite sehe ich zwei Instrumente vor mir, die auf sehr professionelle Art und Weise die Rahmenbedingungen schaffen möchten, unter denen Live-Veranstaltungen wieder stattfinden können. Auf der anderen Seite bleiben doch einige große Fragezeichen:

  • wie gestaltet sich konkret das Handling der Genehmigungsmatrix (Forum Veranstaltungswirtschaft) oder der in der Öffnungsstrategie beschriebenen Datenbankanwendung (R.I.F.E.L./Europ. Ges. für Hygieneschutz u. Veranstaltungssicherheit e.V.)?
  • ist es wirklich sinnvoll, eine Datenbankanwendung (R.I.F.E.L./Europ. Ges. für Hygieneschutz u. Veranstaltungssicherheit e.V.) als Basis für die Risikoeinschätzung von Events zu nutzen, die auf Schnittstellen zu Behörden basiert?
  • wer wird künftig für solch umfrangreiche Risikoananalysen zuständig sein? Kann das noch Aufgabe von Eventplanenden sein oder sollte dieses Thema nicht vielmehr in einem zeitgemäßen Krisenmanagement angesiedelt werden?
  • beide Konzepte sehen zwecks Stärkung des „Scores“ der Veranstaltung neben negativen Testergebnissen u.a. einen „Immunitätsnachweis“ nach Genesung einer Sars-CoV-2-Infektion (Manifest des Forums Veranstaltungswirtschaft) oder einen Impfnachweis (beide Konzepte) vor. Hier muss nach meinem Dafürhalten erst einmal eine Diskussion erfolgen, inwieweit diese Nachweise tatsächlich belastbar, aber auch gesellschaftlich gewollt sind. Gerade in einer Zeit, in der weder bekannt ist, in welchem Umfang eine Immunität nach überstandener Sars-CoV-2-Infektion und wie lange besteht und es zudem absehbar ist, wann alle Menschen, die geimpft werden wollen, die Chance dazu auch tatsächlich bekommen werden.
  • die Veranstaltungswirtschaft oder zumindest Teile davon haben zu Recht zu Beginn der Corona-Pandemie und der spürbaren Negativfolgen für die Branche bemerkt, dass gerade jetzt die Gelegenheit besteht, die Kräfte und Stimmen zu bündeln und einheitlich aufzutreten. Ein Stück weit ist dies auch gelungen, doch frage ich mich gerade im Zuge der Veröffentlichung dieser beiden Konzepte, ob hier nicht die selben alten Fehler gemacht werden, indem man sich gerade hier nicht gemeinsam an die Arbeit macht
  • für mich spiegeln die beiden Konzepte eine „Alles oder gar nichts“-Annahme wieder: Kann die Veranstaltung aufgrund der aktuellen Infektionslage nicht wie geplant physisch stattfinden, wird hier von Absage oder Verschiebung ausgegangen. Die Frage sollte für mich inzwischen eine andere sein (und damit schließe ich den Bogen wieder zum eingangs zitierten Rudi Carrell ;-)), nämlich: WIE kann die Veranstaltung stattfinden? Geben die aktuellen Infektionszahlen keine physisch stattfindende Veranstaltung her, sollte es mindestens vier Optionen geben, die immer auch im Zusammenhang mit den Bedürfnissen der jeweiligen Zielgruppe gesehen werden müssen:
    • sagen wir ab?
    • verschieben wir?
    • gehen wir komplett auf eine Online-Alternative?
    • Gibt es die Möglichkeit, das Konzept soweit anzupassen, dass es auch hybrid stattfinden kann?

Es bleibt abzuwarten, wie viele weitere „Aufschläge“ es gibt, und wenn wir die beiden bereits vorgestellten Konzepte als Diskussionsgrundlage werten dürfen, ist dies sicher ein wichtiger und guter Anfang. Doch der weitere Weg sollte möglichst gemeinsam beschritten werden.


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